Jan Müller-Wieland
30. 3. 1966 Hamburg

 

Uraufführung
von Jan Müller-Wielands Doppelkonzert
"zärtliche Kräfte"
(2014)

SCHLÄGE UND SCHREIE RUND UM ZWEI KLAVIERE

"Jan Müller-Wieland, auch ein Mann der Oper, lässt am Anfang erst mal ein bisschen Schlagzeugkrach machen, aber dann geht das einsätzige Stück so weiter, wie es der Titel verspricht: mit einer Mischung von ´zärtlich´ und ´kraftvoll´, träumerisch und energisch... Da gibt es schwebende Noten-Träumereien plus knackig und kräftig klingende nächtliche Erlebnisse für zwei Klaviere. Die braucht es auch, um der Klangvielfalt des raffiniert eingesetzten Orchesters paroli zu bieten. Die Pianisten Andreas Grau und Götz Schumacher machen das mit erheblichem Wechsel der Effekte, ganzen Handflächen auf den Tasten und gläsern klirrender Klangkultur. Sie haben Müller-Wielands Botschaft offenbar richtig verstanden: die Verbindung von ungewisser Zärtlichkeit und klarer Message. Dafür legen die Streicher einen fein gewobenen Teppich unter den Sternenklang der Klaviere, deren Part sich der Klangmöglichkeiten moderner Instrumente bewusst bedient. Das Orchester ist dabei eine Klangzauber-Schatzkiste, aus der Marcus Bosch nicht nur Originelles herausholen kann. Mit Schlägen und Schreien malträtieren die Pianisten nach alter Cage-Manier ihre beiden Steinways - dann Herzschlag, Herzstillstand."

(Uwe Mitsching, Nürnberger Nachrichten, 28.4.2014, anlässlich der Uraufführung von Jan Müller-Wielands Doppelkonzert "zärtliche Kräfte" durch das Klavierduo Andreas Grau/Götz Schumacher und der Staatsphilharmonie Nürnberg unter seinem GMD Marcus Bosch.)

 

Berlin
Neuköllner Oper
Uraufführung am 20. Januar 2011, 20 Uhr

Der Freischuss
Ein Stück Gegenwart
von Luise Rist (Text) und Jan Müller-Wieland (Musik)
nach dem "Freischütz" von Carl Maria von Weber

Inszenierung: Gustav Rueb
Musikalische Leitung: Hans-Peter Kirchberg / Lam Tran Dinh
Ausstattung: Emily Laumanns
Sound-Design: Heiko Schnurpel
Dramaturgie: Bernhard Glocksin

"In Neukölln gibt es eben Straßen und keine Wolfsschluchten und anstatt des Waldes, ist die Großstadt heute Jagdrevier - in einem ganz anderem Sinne, als es sich das Personal des "Freischütz" hätte träumen lassen. Für die psychologische Komponente taugt Weber allemal noch, ansonsten siedeln Luise Rist (Text) und Jan Müller-Wieland (Musik) ihre Handlung aber gekonnt im Hier und Jetzt an. Mit diesem Ansatz wurde in der Neuköllner Oper schon so einiges auf die Bühne gebracht und diese Erfahrung zahlt sich aus. Eine Aufführung, die Ernst und Komik geschickt vereint."
www.kultiversum.de

" ... Und dennoch überrascht die Premiere von "Der Freischuss" mit einer bemerkenswerten Gefühlsnähe: In den zwei Stunden schafft es das kleine Team in Neukölln tatsächlich, frühromantische Weltflucht-Stimmungen ins Heute zu übersetzen. Das ist schon beeindruckend."

"Dem Berliner Komponisten Jan Müller-Wieland ist das vor allem zu verdanken. Er hat Webers Original zunächst einmal in einen kleinteiligen Trümmerhaufen zerlegt, aus dem er sich souverän mit diesen und jenen Arien, Chorsplittern oder auch nur Motiven bedient. Dazu gekommen ist ein zarter Hauch von Jazzfeeling in der Großstadt. Gefühlt sind gut ein Drittel der Musik des Abends von Weber, knapp ein Drittel von ihm inspirierte Sequenzen, ein Drittel von Müller-Wieland."

Berliner Morgenpost

 

Melodram "Der Knacks" in Bad Godesberg uraufgeführt
Bonner General Anzeiger, 1. Oktober 2010
Von Gunild Lohmann

Bonn. Noch, bevor das erste Wort gelesen, der erste Ton gespielt ist, spürt das Publikum, dass diese beiden nicht nur beim Beethovenfest ein gutes Team sein könnten.
Jan Müller-Wieland und Roger Willemsen üben sich schon in witziger Interaktion, als sie die Bühne der Kammerspiele betreten, lassen einander den Vortritt und streiten sich gleich darauf um das einzige Glas Wasser. Dabei arbeiten Dirigent und Autor an diesem Abend an einem vorwiegend melancholischen Gegenstand: "Der Knacks", Willemsens Buch über biografische, emotionale und politische Ermüdungsbrüche, wird als Melodram uraufgeführt - vom Ensemble Resonanz, das sich mit experimentellen Tönen bestens auskennt.

Die Musik des vielfach ausgezeichneten Komponisten Müller-Wieland spiegelt den episodischen und fragmentarischen Charakter des Librettos. Ein Flügel und 18 Streicher bewegen sich in Steigerungen und Spiralen von gehauchten Tremoli zu brutalen Clustern und schmerzhaften Reibungen, sie zitieren Bekanntes und probieren Neues aus, sie husten und flüstern. Wie das Leben ist auch die rhapsodische Partitur von Rhythmuswechseln, Leerstellen und Aufregungen geprägt, und wenn Müller-Wieland den Knacks so richtig hörbar machen will, lässt er seine Musiker auch schon mal mit den Füßen scharren, Triangel spielen und diese dann auf sein Kommando laut klirrend auf den Boden werfen.

Dazwischen liest und lebt Roger Willemsen Passagen aus seinem Buch, erzählt mit ungeheurer Beobachtungsgabe und sprachlicher Präzision über Alterungsprozesse und das Phänomen des Ausbleichens, wenn die Überzeugungen nicht mehr stark und die Genüsse nicht mehr strahlend sind.

Und ganz gleich, ob Glaube reflektiert wird, oder Goya, oder Guantanamo - die Balance zwischen Wort und Ton ist stets vollkommen. Zum Tacet des Ensembles gibt es bisweilen einen längeren Text, an anderer Stelle entspinnt sich ein lebhafter Dialog zwischen Sprecher und Orchester. Humoristischer Höhepunkt der anderthalb Stunden ist zweifelsohne die Skizze über die Einsamkeit in einem Restaurant, in dem zwei Frauen mit größter Kunstfertigkeit aneinander vorbeireden: absurdes Theater, zart ironisch untermalt von den wiederkehrenden Formeln des Ravelschen Boleros.

Immer wieder spielen sich Willemsen und Müller-Wieland auf dem schmalen Grat zwischen Lachen und Weinen den Ball zu, erforschen Hand in Hand die Risse, die sich in den Träumen auftun. Und dann "eröffnet sich eine Aussicht, den Menschen in seinem Knacks zu retten, ihn im Gehen wachsen zu sehen".

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